Sonntagabend, 17:30 Uhr, komme ich mit der Straßenbahn am Flughafen Erfurt-Weimar an. Mit mir steigen noch eine Hand voll Personen an dieser Haltestelle aus. Bereits nach einigen Metern stehe ich vor dem Check-in Schalter der Cirrus Airlines. Ich möchte meinen Koffer für den Flug C9 1638 bzw. LH 9483 nach München aufgeben. Heute ist es aber kein normaler Flug, es ist der letzte Flug an einem Sonntag auf der Verbindung von Erfurt in die bayerische Landeshauptstadt. Schon fünf Tage später wird der letzte Flug überhaupt auf dieser Linie von Cirrus Airlines durchgeführt. Nach dem Wegfall der Subventionen durch den Freistaat Thüringen beschloss die Fluggesellschaft im September dieses Jahres die Einstellung der letzten Linienverbindung vom Flughafen Erfurt-Weimar. Dank überaus kurzer Wege erreiche ich schnell die Check-in Schalter. 3 Passagiere stehen vor mir in der Reihe: ein Business-Class-Reisender auf dem Weg nach Bern und zwei Besucher des Erfurter Weihnachtsmarktes, die ihren Rückflug nach Zürich antreten wollen. Schnell bemerke ich, dass es heute keine übliche Situation ist. Der Geschäftsmann vor mir richtet Worte des Bedauerns über die Einstellung der Flugverbindung an die Mitarbeiterin des Flughafens, sie treffe keine Schuld, aber es sei eine nicht nachvollziehbare Entwicklung bzw. Entscheidung. Als ich an der Reihe bin, verzichte ich auf jegliche Bemerkungen. Die sehr freundliche Dame nimmt mein Gepäck entgegen und reicht mir die Bordkarte. Routiniert, aber offensichtlich emotional aufgewühlt, erfüllt die Flughafenangestellte ihren Job. Es ist sehr still am Flughafen, außer mir bemerke ich nur wenig andere Personen. Die Flugplantafel in der Abflughalle liefert aber schnell eine Antwort. Sie zeigt alle aktuellen Abflüge an: am heutigen Tag eine Verbindung, meinen Flug gen München. Vorbei an ein paar mehr oder weniger verlassenen Reisebüroschaltern, gehe ich in Richtung Abflugebene. Nach einigen Metern bin ich auch schon an der Sicherheitskontrolle angekommen. Hier kommt es mir vor, als ob die fünf Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes und die zwei Beamten der Bundespolizei nur auf mich gewartet haben, um nach meiner Kontrolle unverzüglich den Arbeitstag zu beenden. Nach der (bei mir scheinbar stets üblichen) Nachkontrolle betrete ich das Gate. 6 Passagiere warten bereits auf den Abflug. Auf dem Vorfeld steht schon die kleine Dornier 328 für den Flug nach München bereit. Neben diesem Propellerflugzeug sind nur noch wenige Sportflugzeuge zu sehen. Die sonst übliche Boeing 737 der Air Berlin steht nach deren Abzug vom Flughafen Erfurt-Weimar nun nicht mehr auf dem Flugfeld. Kurz vor unserer geplanten Abflugzeit sehe ich, wie eine Gruppe Flughafenbesucher kurzzeitig die Cirrus Airlines Maschine okkupiert und einige Minuten später wieder im Bus verschwindet. Mit kurzer Verspätung beginnt die Dame vom Check-in das Boarding und wünscht einen angenehmen Flug. Nach wenigen Metern Fußweg erreicht die überschaubare Gruppe von 12 Reisenden den Flieger. Nach der üblichen Begrüßung und den Sicherheitseinweisungen erfolgt der Abflug bei Nacht vom Thüringer Airport. Wie üblich führt die Abflugroute heute gen Westen, und so komme ich nicht zu dem Vergnügen, einen beeindruckenden Blick auf den Erfurter Dom und den Hauptbahnhof zu erhaschen. Vorerst zumindest nicht, denn nach ein paar Minuten Flugzeit wundere ich mich, warum wir unsere Flughöhe halten und die Flugbegleiterin nicht mit dem Service beginnt. Kurze Zeit später und nach ein paar Kurven weiß ich, warum: der Pilot meldet sich und teilt mit, dass es ein technisches Problem gebe (die Enteisung des rechten Triebwerks sei ausgefallen) und wir müssten aus Sicherheitsgründen nach Erfurt zurückfliegen. Bis zur Landung ist es sehr still im Flugzeug. Erst nach dem Aufsetzen am Flughafen Erfurt kommt es zu offenkundigen Meinungsäußerungen. Einige Passagiere äußern lautstark ihr Unverständnis über die mangelnde Zuverlässigkeit dieser Verbindung. Sie berichten, regelmäßig diese oder ähnliche Erfahrungen gemacht zu haben. Nach dem Verlassen des Flugzeuges und der Ankunft am Gate wird schnell klar, dass es heute nicht mehr mit dem Flugzeug nach München gehen wird. Der Flug ist annulliert. Sehr bemüht, aber augenscheinlich überfordert, versuchen zwei Mitarbeiterinnen des Flughafens die Situation zu meistern. Mangelnde telefonische Erreichbarkeit von Verantwortlichen erschwert zudem die Lage. Nach etwa einer Stunde sind nun alle 12 Passagiere auf Taxen verteilt und auf dem Weg über die Autobahn zum Münchener Flughafen. Der Taxifahrer entschuldigt sich für die späte Abfahrt, es läge auch mit an einer „neuen, sehr speziellen Personalpolitik“, noch vor einem Jahr sei dies anders gewesen. Die immer wieder aufkommenden Gespräche zwischen den Passagieren verdeutlichen die aktuell schwierige Situation und eine zweifelhafte Managementpolitik bezüglich des Flughafens Erfurt-Weimar. Auf der Fahrt kann ich mir einige Male das Schmunzeln nicht verkneifen, da schon etwas Ironie in diesem Flug, einem der letzten Flüge, liegt…
Weiterführende Links:
Flughafen Erfurt; Wikipedia Flughafen Erfurt;
Thüringer Luftfahrtforum; Bilder von Cirrus Airlines am Flughafen Erfurt.
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