Kommentar: 20 Jahre Anschubfinanzierung am Flughafen Erfurt-Weimar

Fast liest es sich wie ein fiktives Beispiel aus einem Wirtschaftslehrbuch: Ein Bundesland versucht mit einer kurzfristigen Anschubfinanzierung (auch Subvention genannt), eine Flugverbindung zu einem Luftfahrtdrehkreuz zu etablieren. Soweit, so gut. Problematisch in diesem Fall ist nur, dass die Verantwortlichen das Wörtchen „kurzfristig“ scheinbar sehr weit fassen, und dies schon  über einen Zeitraum von 20 Jahren. Keinen wird es aufgrund von Medienberichten und eigenen Erfahrungen verwundern, dass es sich doch nicht um ein fiktives Fallbeispiel aus Universitätslehrbüchern handelt.

Der Freistaat Thüringen „fördert“ seit nunmehr rund 20 Jahren Flugverbindungen von Erfurt aus. Besonders im Fokus stand dabei immer eine Strecke zum Lufthansa-Drehkreuz München.  Mehrere Jahre wurde durch Ausschreibungen des Landes Thüringen die momentan angeschlagene  OLT (Ostfriesische Lufttransport GmbH) mit der Bedienung der Anbindung betraut. Nach einem jahrelangen Zuschussgeschäft und einer Passagierentwicklung unter den Erwartungen wurde die Verbindung neu ausgeschrieben. Den Zuschlag bekam im Jahr 2004 die Cirrus Airlines aus Saarbrücken. Diese bietet durch eine Kooperation mit der Lufthansa direkte Anschlussmöglichkeiten an das weltweite Netz der Kranichfluglinie. Geflogen wird in den letzten Jahren mit modernen 31-sitzigen Propellermaschinen vom Typ Dornier bis zu 3-mal täglich von der Thüringer Landeshauptstadt in die bayerische Metropole München.

Nach vielen Jahren Flugbetrieb steht die Verbindung von Erfurt-Weimar nach München nun vor dem Aus. Das Land scheint nach 20 Jahren Anschubfinanzierung nun den Übergang in ständige Subventionen zu befürchten und stellt ab März 2012 die jährliche Zahlung in Höhe von rund 2 Millionen Euro ein. Die Reaktion von Cirrus Airlines kam prompt: Die Verbindung lasse sich ohne Zuschüsse nicht wirtschaftlich betreiben und werde eingestellt.

Abgesehen von der Professionalität bei der Planung des Einsatzes von Steuergeldern, stellt sich besonders eine Frage: Warum wurde es nicht geschafft, ein Flugzeug mit 31 Sitzplätzen höchstens 3-mal täglich mit Passagieren zu füllen und dies zu Flugpreisen, die sowohl für den Reisenden als auch für die Fluggesellschaft zufriedenstellend sind. Ist Erfurt zu klein? Gibt es zu wenig Touristen, die etwa an Weimar interessiert sind? Geben Thüringer kein Geld für Reisen aus? Dies kann doch nicht der Grund sein. Als ich die Flugverbindung vor 3 Jahren das erste Mal persönlich nutzte, fiel mir zwangsläufig das Hauptproblem der Verbindung auf, die geringen Passagierzahlen. Bis auf die nette und zuvorkommende Flugbegleiterin konnte ich keine Mitreisenden zu Gründen für die schlechte Buchungslage befragen, da ich der einzige Gast an Bord war. Das Flugerlebnis definierte ich für mich irgendwo zwischen Privatjet und Geisterflug. Auf meinem letzten Flug im Juni 2011 zeigte sich aber ein anderes, erfreulicheres Bild. Diesmal versammelten sich zu früher Stunde am Gate des Münchner Flughafens 25 Personen. Bei einem kostenlosen Kaffee der Lufthansa im Abflugbereich kam die kleine Gruppe mit Flugziel Flughafen Erfurt-Weimar schnell ins Gespräch. Da war zum Beispiel eine Familie mit Kindern und Großeltern, die gerade aus dem Urlaub in der Dominikanischen Republik zurückkehrte. Ein anderes Ehepaar war wenige Stunden zuvor von einer Rundreise aus Indien gelandet und wollte die Reise mit einem direkten Flug in ihre Heimatstadt Erfurt beenden. Zwei Geschäftsleute nutzten die Verbindung mit Cirrus Airlines als Anschlussflug für ihre Dienstreise aus Rom. Die Verbindung schien sich auf den ersten Blick etabliert zu haben. Schnell wurde aber im Gespräch deutlich, dass es für eine Vielzahl der Mitreisenden nicht einfach war, die für sie bequeme und zeitsparende Verbindung zu nutzen. So berichteten Passagiere, dass es nicht möglich sei, von Reisebüros Zubringerflüge ab Erfurt-Weimar zu buchen. So blieb vielen nichts anderes übrig, als deutlich teurere separate Flugtickets zu kaufen. Dies bedeutet nicht nur einen finanziellen Mehraufwand, sondern z. B. auch den Nachteil, dass Gepäck nicht ohne erneute Gepäckaufgabe an das Reiseziel aufgegeben werden kann. Auch berichtete ein Passagier aus Jena, dass auf der Website der Lufthansa zwar Flüge ab Erfurt buchbar seien, nicht aber in Kombination mit Sonderangeboten. Dies hätte schon oft dazu geführt, dass er trotz der längeren Anfahrt den Abflughafen Frankfurt oder München gewählt habe. Meine persönliche Erfahrung bestätigte diesen Sachverhalt. So ist es auch nicht verwunderlich, warum die Strecke von Erfurt nach München nicht primär von Touristen genutzt wird. Ein weiterer Kritikpunkt der Passagiere war die mangelnde Kommunikation der Flugverbindung. Teilweise erfuhren sowohl Geschäftsreisende als auch Urlauber nur zufällig, dass es möglich ist, von Erfurt aus nach München und von dort in die Welt zu fliegen. Nach 20 Jahren Anlauffinanzierung hätte man diesbezüglich sicher andere Aussagen erwartet. Auch wird das Potential der Verbindung gerade in Bezug auf asiatische Besucher, die kulturell sehr an Weimar interessiert sind, nicht genutzt, so ein koreanischer Reiseveranstalter auf der Internationalen Tourismusbörse 2011 in Berlin.

Wie kam es aber dazu? Ganz zu klären ist diese Frage wahrscheinlich nicht. Ein entscheidender Faktor sind aber sicher die suboptimale Marketingpolitik des Flugunternehmens und die mangelhafte Zusammenarbeit mit Tourismusverbänden. Normalerweise ist eine Fluggesellschaft aus eigenem Interesse gehalten, den Ertrag zu optimieren, sprich, genug Passagiere pro Flug zu befördern, um rentabel eine Verbindung zu betreiben. Wird nun aber eine Verbindung über Jahre hinweg durch Subventionen unterstützt, besteht die Gefahr, dass schlichtweg die Motivation der Fluggesellschaft nachlässt. Fehlende Umsätze werden ja schließlich durch staatliche Unterstützung ausgeglichen. Ökonomen sprechen in diesem Zusammenhang vom sogenannten „Moral Hazard“. Im Interesse der Steuerzahler stände das Thüringer Verkehrsministerium in der Pflicht, eine solche Entwicklung zu vermeiden, sei es beispielsweise durch Überprüfungen oder das Festlegen genauer Standards und Ziele. Ob dies geschehen ist, kann bezweifelt werden. Informationen über Details der Vereinbarung zwischen dem Thüringer Verkehrsministerium und Cirrus Airlines werden auch auf direkte Anfragen nicht bekannt gegeben.

Oft wird von Kritikern der Flugverbindung der Cirrus Airlines von Erfurt-Weimar nach München das Argument angeführt, dass es nicht möglich wäre, eine ausreichende Nachfrage zu generieren. Dem gegenüber steht die aktuelle Entwicklung der Passagierzahlen trotz der bereits beschriebenen „Hürden“ für die Fluggäste. Eine direkte Nachfrage bei Cirrus Airlines ergab einen stetigen Anstieg der Nachfrage auf zuletzt durchschnittlich 22 Passagiere pro Flug (13.000 im Jahr). Natürlich sind die Flughäfen Frankfurt am Main und Leipzig gerade im Hinblick auf die neue Zugverbindung schnell erreicht. Auch wird sich die Fahrzeit nach Süddeutschland erheblich verkürzen, was das Bestehen des Flughafens Erfurt-Weimar mittelfristig zweifelslos gefährden wird. Eine Umsteigeverbindung zu dem stadtnahen Flughafen Erfurt-Weimar würde aber für viele eine bevorzugte Verbindung bleiben. So scheuen sich gerade internationale Geschäftsleute mit dem Flugziel Erfurt davor, ein weiteres Verkehrsmittel wie die Bahn zu nutzen. So wird lieber eine kurze Taxifahrt bis zum endgültigen Zielort vom Flughafen gewählt, als zuvor noch mit der Bahn  zu fahren, selbst wenn dies sowohl finanziell als auch zeitlich keine Nachteile bringen würde. Ähnlich scheint die Betrachtung für abfliegende Passagiere auszufallen. Es ist schlichtweg einfacher, zu einem nahe gelegenen Flughafen zu fahren, dort die Koffer aufzugeben und später am Zielort wieder in Empfang zu nehmen, als vorher erst eine längere Autofahrt zu einem größeren Flughafen in Kauf zu nehmen oder zum nächst gelegenen Bahnhof zu fahren und dann auf die Zuverlässigkeit der Bahn zu hoffen.

Natürlich kann aber eine Flugverbindung nur angeboten bzw. genutzt werden, wenn die Flugpreise sowohl auskömmlich als auch annehmbar sind. Ein Betrieb durch Cirrus Airlines ohne staatliche Zuschüsse wäre objektiv betrachtet sehr schwierig. So ist beispielsweise die Größe des Fluggerätes ein kritischer Faktor. Die Fixkosten der Airline sind bei der 33-sitzigen Dornier ähnlich hoch wie bei einem Flugzeug mit 50-70 Sitzplätzen. Aufgrund dieser Erkenntnis verkaufte zum Beispiel die Lufthansa im letzten Jahr alle Flugzeuge mit weniger als 70 Sitzplätzen, da ein wirtschaftlicher Betrieb erst ab dieser Größe möglich sei. Natürlich macht es momentan noch keinen Sinn, ein Flugzeug weit oberhalb der aktuellen Nachfrage zu nutzen, als mittelfristiges Ziel wäre dies jedoch denkbar.

Cirrus Airlines betreibt auch die Flugverbindung vom Flughafen Hof-Plauen nach Frankfurt am Main. Diese in Kooperation mit der Lufthansa durchgeführte Linie stand im April 2011 ebenfalls vor dem Aus. Hauptsächlich durch einen unzuverlässigen Betrieb auf dieser Verbindung reduzierte sich die Nachfrage signifikant. Nach der Ablehnung eines Gesuchs der Cirrus Airlines nach mehr Subventionen wurde die Strecke eingestellt. Erst durch die Wiederaufnahme von Verhandlungen und erneute Subventionszahlungen wurde der Flugverkehr wieder aufgenommen. Spätestens diese Entwicklung im Nachbarbundesland hätte die Verantwortlichen im Thüringer Verkehrsministerium und am Flughafen Erfurt-Weimar hellhörig werden lassen müssen. Passen das Geschäftskonzept und die Nachhaltigkeitsauffassung der Cirrus Airlines Luftfahrtgesellschaft mbH zu den Interessen des Flughafens bzw. der Landesregierung? Eventuell wäre es angebracht gewesen, rechtzeitig und offensiv nach einer neuen Fluggesellschaft für die Verbindung Erfurt-Weimar nach München zu suchen.

Nun ist aber der Entschluss gefasst, die Verbindung nicht weiter finanziell zu fördern. Vielleicht ist es gerade der Zeitpunkt, der einige Beobachter zweifeln lässt: Wer fast 20 Jahre erfolglos finanzielle Mittel bereitgestellt hat, sollte vielleicht nicht gerade dann mit dem „Fehler“ aufhören, wenn sich deutliche Erfolge abzeichnen. Jetzt lohnt sich doch noch einmal der Blick in ein Lehrbuch für Ökonomen: Es ist 6-mal kostspieliger und zeitaufwändiger neue Kunden zu gewinnen und ehemalige Kunden zurückzugewinnen, als bestehende Kunden zu halten. Hoffentlich ist dieser Fakt auch Entscheidern aus Flughafenverwaltung und Verkehrsministerium bekannt und wird bei weiteren Planungen berücksichtigt.

Weiterführende Links:
Flughafen Erfurt; Wikipedia Flughafen Erfurt;
Thüringer Luftfahrtforum; Bilder von Cirrus Airlines am Flughafen Erfurt.

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